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Donnerstag, Oktober 1, 2020
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Espadrillos – die Schuhe aus Gras und Kaktus-Seide

Die Tradition der Insel lebt und begleitet uns – Einheimische wie Besucher: Espadrillos, Sombreros und Körbe werden hier noch hergestellt wie zu Zeiten der Ur-Ur-Großmutter.

Wer nach Ibiza reist, sieht sie überall – Espadrillos. Die lässigen Leinenschuhe zieren Männer- wie Frauenfüße und Schaufenster in sämtlichen Farben und Mustern. Was aber kaum einer weiß: Die hippe Fußbekleidung geht auf eine jahrhundertealte katalanische Tradition zurück – und die Balearen sind eine der Geburtsstätten der Espadrillos. Hier heißen sie allerdings „Alpargatas“ und sind von der modernen Ausführung mit Glitzersteinchen weit entfernt. Denn die „echten Alpargatas“ wurden ab dem 14. Jahrhundert von einfachen Landleuten getragen, waren Arbeits- und Alltagsschuhe. Die Männer und Frauen trugen sie auf dem Feld oder im Haus. Damals trugen die Männer Schuhe, die vorn an den Zehen offen waren. Für Frauen aber schickte es sich gar nicht, ihre Zehen zu zeigen – ihre Schuhe mussten stets geschlossen sein. Später lockerte sich das aber und auch Frauen trugen das offene Modell.

Etwas besser situierte Familien hatten auch die feinere Ausführung im Schrank: Zu besonderen Anlässen wie Festen oder dem Sonntagsgang zur Kirche wurden dann die schicken Schuhe mit den geflochtenen Mustern angezogen. Heute werden die Alpargatas zum Aufleben der Tradition bei Tänzen auf Patronatsfesten und Volksfesten getragen. Auch beispielsweise auf Hippiemärkten wie Las Dalias oder dem Markt in Sant Joan findet man das traditionelle Schuhwerk. Und in traditionellen Schuhgeschäften.

Wer die Schuhe herstellt, spult die Zeit um Jahrhunderte zurück.
Aus getrocknetem Espartogras wird die Sohle der Schuhe hergestellt. Das einheimische Gras wächst wild auf der Insel und die Ibizenkos kennen die besten Stellen dafür. Diese sind eigentlich streng geheim – denn viele Ibizenkos stellen Alpargatas her. Die Konkurrenz schläft nicht – und man muss schon auf der Hut sein, dass einem die besten Gräser nicht einfach weggerupft werden.

Sowohl der Name Espadrillo, als auch Alpargata leitet sich vom Wort ,Esparto‘ ab. Gebiete wie die „Cala s´Espart“ bei Roca Llisa oder das Tal „S´Esparta“ bei Sant Antoni sind nach den Gräsern benannt. Die Pflanze ist zugleich reißfest und elastisch und eignet sich daher perfekt für Flechtarbeiten.

Die Gräser werden nach dem Trocknen heftig geklopft und in einer speziellen Technik mit bis zu acht Strähnen verflochten. Hier sind Geduld und Fingerspitzengefühl gefragt: Um eine einzige Schuhsohle herzustellen, braucht man etwa 45 Meter geflochtenes Espartogras! Dieses lange Band wird schließlich eingerollt und mit vielen kleinen Stichen vernäht.

Doch zu traditionellen Alpargatas gehört auch die geflochtene Halterung der Schuhe. Ohne die weißen Bändchen würde der Schuh nicht halten, und außerdem nicht so hübsch aussehen. Hierfür wird Kaktus-Seide verwendet – genauer gesagt, Seide der Agaven. Auf Ibiza, Formentera und im gesamten Mittelmeerraum wächst die aus Mexiko stammende Pflanze wild. Ihre langen Blätter werden auf ein Holzbrett gespannt und immer wieder mit einem speziellen, sägeblatt-ähnlichen Werkzeug „durchkämmt“, bis schließlich nur noch die robusten Fasern der Blätter übrig bleiben. Diese werden dann in der Sonne getrocknet und mit Zitrussäure gebleicht. Danach werden die Fäden aufwendig miteinander zu Bändchen und Riemchen verflochten und mit der Schuhsohle vernäht.

Zu guter Letzt wird die geflochtene Kaktus-Seide mit einer speziellen, selbst gefertigten Paste aus Reisstärke, Fischgelatine und Kalk-Carbonat bestrichen – zur Versiegelung und für die Haltbarkeit. Das Polieren mit Pferdehaaren verleiht dem Schuh abschließend den echten Glanz.

Et Voilà – fertig sind die Alpargatas.

Das hört sich erst einmal vielleicht schnell und einfach an. Großer Irrtum. Selbst erfahrene Handwerker brauchen bei einer 40-Stunden-Woche mindestens einen ganzen Monat, um ein Paar Alpargatas herzustellen! Auf dem Markt haben die luftigen Schuhe daher ihren Preis. Sie kosten leicht zwischen 300 und 400 Euro.

Das sind die „Zutaten“ zur Herstellung der handgemachten Schuhe. Die kostbarsten benötigen einen Monat Arbeit und kosten bis zu 400 Euro. Grobe Schuhe sind natürlich billiger und wurden auch bei der Feldarbeit getragen

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