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Donnerstag, Oktober 1, 2020
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Feuerflieger – der wohl gefährlichste Job der Insel

Der große Brand an der Cala Xarraca, das Feuer bei sa Cala – überall war Feuerflieger Juan José García Buergo dabei und stürzte sich mit seinem Löschflugzeug in die Hölle von Rauch und Flammen. Ihm und seinen Kollegen ist es zu verdanken, dass Menschen und Häuser gerettet wurden…

Feuerflieger José García Buergo war immer im Einsatz, als die größten Feuer große Teile Ibizas vernichteten: beim Waldbrand in Benirràs, beim riesigen Feuer in sa Cala bei Sant Joan, beim schlimmen Brand in der Cala Xarraca… Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang kämpfte er mit seinen Kollegen darum, dass Menschen und Häuser gerettet wurden. Jeder Flug war lebensgefährlich – ein Flug in die Hölle aus Hitze, Rauch und Flammen… Kirsten Lehmkuhl traf ihn kurz vor seiner Pensionierung.

Doch Juan José Garcío Buergo sieht die Risiken locker. Ist er doch ein alter Hase, wenn es um Brandbekämpfung aus der Luft geht. Schließlich sitzt der Mann über 30 Jahre im Cockpit eines Löschflugzeuges – als „fliegender Feuerwehrmann“. Eine ganz schön gefährliche Angelegenheit, wenn man in Flammen, Rauch und Hitze fliegt? „Nein“, antwortet der Spanier. „Ich weiß, was ich tue!“ Und „Auf diese Kiste hier kann ich mich 100-prozentig verlassen!“

Juan José García Buergo klopft auf den knallgelben Rumpf der einmotorigen „Air Tractor 802 Fire Boss“ wie auf den Hals eines braven Pferdes. Beinahe liebevoll. Die „Kiste“, wie er sie freundschaftlich nennt, kostet mal eben drei Millionen Euro – es ist ein Löschflugzeug, genauer: ein Amphibienflugzeug mit zwei Kufen, das vom Wasser und von Land aus starten kann. Wenn man so will, eine Art fliegendes Boot. Oder ein schwimmendes Flugzeug, wie man mag. In jeden Fall ist sein „Fire Boss“ auf den Pityusen im Einsatz.

Schnell ist sie, diese Maschine, mit ihrer Spannweite von rund 18 Metern. Wendig und ziemlich aufnahmebereit dazu: Sie kann bis zu 3200 Liter Wasser in zehn bis zwölf Sekunden beim Flug nur wenige Zentimeter über den Wellen aus dem Meer „tanken“. Besonders beeindruckt ist Juan José von ihrem Triebwerk, gebaut vom kanadischen Hersteller Pratt & Whitney. Warum? Weil es absolut einwandfrei arbeitet, wie eine „Schweizer Uhr“, erzählt er. Präzise. Zuverlässig.

„Jedes Flugzeug, auch wenn es in Serie hergestellt worden ist, ist eine Persönlichkeit“, sinniert der Pilot. „Manche verzeihen nicht den kleinsten Fehler, andere sind da etwas nachgiebiger. Aber dieses hier ist durch und durch nobel.“ Stolz ist der Mann in seinem feuerfesten Anzug auf den Air Tractor, er, der bei keinem Brand gefehlt hat, nicht in der Cala Xarraca, nicht in Benirràs und auch nicht in sa Cala – die drei schlimmsten, die er auf der Insel gesehen hat. Und wo Menschen und Häuser in höchster Gefahr waren.
Was ist das gefährlichste an seiner Arbeit? „Man selbst!“, gesteht der Feuerflieger. „Daran besteht überhaupt kein Zweifel. Ich muss mich auf mich selbst verlassen können. Denn in der Luft bin ich auf mich allein gestellt. Meine eigene Sicherheit hängt zu 99 Prozent von mir und meinen Reaktionen ab. Ich muss stets die richtigen Entscheidungen treffen. Bis jetzt ist es drei Jahrzehnte gut gegangen. Ich scheine die richtigen Kriterien anzulegen.“

Das ist der „Air Tractor 802 Fire Boss“, die 3 Millionen Euro teure Maschine von Juan José. Wenn Alarm kommt, ist er mit seinem gelben Vogel in zwei Minuten in der Luft. Das Spezial-Flugzeug kann in den Tanks 3 Tonnen Wasser aufnehmen – beim Flug über das Meer in 12 bis 15 Sekunden. Dazu braucht man schon beste Nerven im mit Instrumenten vollgestopften Cockpit

Gar keine Angst, wenn er bei brütender Hitze auf die lodernde Hölle aus Flammen und Rauch zuschießt? Juan José wehrt ab. „Es macht mich, ehrlich gesagt, nervöser, mit Ihnen zu sprechen als einen Einsatz zu fliegen!“

Und er gibt ein Beispiel: „Wenn es bei Mutter in der Küche plötzlich brennt, dann befindet sie sich in einer Notlage, die stresst. Wenn ich einen Brand bekämpfe, dann ist das etwas ganz Normales, es ist meine Arbeit, ich habe darin Routine. Ich weiß sehr genau, was ich tue. Das ist ein Riesenunterschied. Denn mir ist klar, in welcher Reihenfolge ich vorgehen muss, wo ich Wasser aufnehmen kann, wo ich es besser lasse, wie ich die Brandstelle anfliege, wo exakt ich das Wasser über dem Feuer abwerfe, usw. Das heißt allerdings nicht, dass man vor Fehlern gefeit ist.“

Steigt sein Adrenalinspiegel kein bisschen, wenn er in Aktion ist? Der Pilot winkt ab. „Bei mir beschleunigt sich der Herzschlag nicht mal um einen halben Pulsschlag. Mein ganzes Adrenalin habe ich im ersten Monat meiner allerersten Saison als Feuerpilot verbraucht.“ Nervös zu werden, das sei das Riskanteste, was man in der Fliegerei machen könne. Gerade in der Luft heißt es: kühlen Kopf bewahren!

Frei nach dem Motto: Je hysterischer deine Umgebung wird, desto ruhiger musst du selbst sein. Je mehr Druck zum Beispiel bei einem Großbrand die Bürgermeister oder Politiker machen, desto gelassener musst du reagieren. Nervosität nützt niemandem. Im Gegenteil, sie ist brandgefährlich.

Das Einzige, was ihm bei seinem Job zu schaffen macht, ist die Hitze in der Pilotenkapsel. „Die Temperatur steigt auf unerträgliche 60 Grad Celsius da drinnen“, erzählt er. „Man fühlt sich wie in einer Mikrowelle!“ Zum Glück gibt es Air Condition. Ohne sie wären solche Präzisionsflüge kaum möglich. Und auch der Lärm ist mit rund 90 Dezibel hoch. Juan José schützt sich mit seinem Spezial-Helm dagegen. Trotzdem sei er schon fast taub, berichtet er. Und tatsächlich: Im Gespräch fragt er immer wieder nach … Überhaupt darf man als Feuerpilot nicht allzu zart besaitet sein. Wenn das Meerwasser aufgewühlt ist und die Maschine über das Meer zur Wasseraufnahme streift, dann fühle er sich wie eine Kichererbse in einer Spielzeugrassel.

Es dauert mitunter gerade mal eineinhalb Minuten vom Eingang eines Notrufes bis die Maschine in der Luft ist! Wie das funktioniert? „Ganz einfach“, so der bombero. „Auf Ibiza gibt es, wie auf Mallorca auch, Feuerwachtürme. Wenn irgendwo Rauch aufsteigt, werden wir von dort sofort informiert und bereiten uns augenblicklich vor. Denn wir wissen, gleich kommt der Einsatz.“ Ein Beispiel: Als auf Formentera Flammen in die Luft züngelten, erreichte ihn 11.39 Uhr der Anruf. 11.40 war er in der Luft. 11.46 Uhr am Brandherd…

Ein Aufwärmen des Motors ist fast nicht notwendig. In wenigen Sekunden ist er startklar. Und die Zusammenarbeit mit der Flugaufsicht auf dem Airport in Ibiza klappt hervorragend. „Das ist die halbe Miete“, betont Juan José. „Davon hängen 50 Prozent des Erfolges ab.“ Denn selbstverständlich braucht ein Feuerflieger umgehend das „Go“ zum Abheben und kann nicht 20 Minuten in der Schlange warten, bis er mit dem Start an der Reihe ist.

Juan José hat das Fliegen sozusagen in die Wiege gelegt bekommen. Schon sein Vater war Pilot – und Segelfluglehrer. Sein Kinderzimmer: vollgestopft mit Modellflugzeugen. Mit 16 fliegt er das erste Mal mutterseelenallein ein Flugzeug – ein Segelflugzeug. Die beste Schule, die man sich denken kann. Denn wenn der Mann eines kann, dann ist es mit Thermik und Winden umzugehen. Und auch die schwierige Luftsituation über Brandherden managt der Mann mit links. Weil Turbulenzen zum Alltag von Segelfliegern gehören. Selbst wenn einmal der Motor des Löschflugzeugs ausfallen würde, bliebe er aufgrund seiner Erfahrung gelassen: „Für andere wäre das eine Tragödie. Für mich ist das ein Problem.“ Das er zu händeln weiß. Denn er hat seine Air Tractor auch schon als Segelflieger benutzt, ohne Motor. Er weiß, wie sie reagiert…

Was hat die Leidenschaft geweckt, sich und sein Leben der Bekämpfung von Bränden zu widmen? „Das war Ende der 1980er Jahre, auf dem Flughafen in Monflorite in Huesca landete eine Feuerflieger. Ich war sofort fasziniert, regelrecht angefixt. Und wusste: Das will ich auch!“, erinnert sich der ausgebildete Lehrer im Bereich Flugwesen. Allerdings gab es in Spanien keine entsprechenden Fortbildungskurse. Aber das konnte natürlich einen Kerl wie Juan José nicht aufhalten. Er flog nach Polen und lernte es dort.

Ähnliches geschah, als er sich in den Kopf gesetzt hatte, Pilot von Amphibienflugzeugen zu werden. Das war 2002. In Spanien gab es nur innerhalb des Militärs entsprechende Schulungen. Also machte sich Juan José auf an den Comer See in Italien und lernte dort das so genannte „Scooping“, die Aufnahme von Wasser in den Flugzeugbauch – beim Flug nur Zentimeter über dem Wasser. Schließlich wird das dort seit 1917 bereits gelehrt.

Gerade das „Scooping“ ist allerdings in den Gewässern von Ibiza und Formentera nicht immer einfach. Man kann es kaum glauben, aber es gibt Jet-Ski-Fahrer, die nichts Besseres zu tun haben, als sich mit dem Piloten Rennen zu liefern, wenn das Löschflugzeug Wasser aufnehmen will. Sie schrecken auch nicht davor zurück, Selfies zu machen, mit dem Löschflugzeug im Hintergrund. Eine große Gefahr – genau wie die hohe Zahl von ankernden Booten auf dem Meer. So ist es in der Cala Llonga quasi unmöglich, Wasser zu laden. Auch Cala Saona und Ses Illetes kommen nicht in Frage. Perfekt hingegen sei die Bucht s’Estany Pudent auf Formentera.

„Ich bin nie in eine brenzlige Situation geraten. Ich bin nie abgestürzt, nie gegen etwas geflogen, nicht mal einen Baum habe ich gestreift. Das ist ungewöhnlich, wenn man so viele Jahre fliegt wie ich“, denkt er an die Jahre zurück. Und als „Feuerpilot-Rentner“? Auch dann wird er vor allem eines tun: fliegen. Es geht zurück zu den Ursprüngen. Zum Segelfliegen. „Ich habe damit angefangen – und höre damit auf“, sagt er. Es ist die purste, abwechslungsreichste, dynamischste und ruhigste Art zu fliegen, schwört Juan José García Buergo.
Er muss es wissen…

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