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Montag, September 28, 2020
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Tierisches Treiben im alten Zoo

Die verwitterte Giraffe blickt auf die ehemalige Zoo-Anlage. Sie wurde in den 80ern dort platziert – als Erinnerung an „Fantasylandia“.

Einer von Ibizas Orten mit bewegter – und bewegender Geschichte…

Ein Ort von Welt braucht einen Zoo – so dachte man auch auf Ibiza. Und deshalb entstand zur Hoch-Zeit der Massen-Belustigung ein solcher auf der Insel. Zum Glück nur kurz. Heute geht es in den „Überbleibsel“ wieder tierisch zu. Aber lesen Sie selbst…

Sie sind umzingelt von wilden Tieren – es tummeln sich Affen, Pandas, Leoparden. Der Affe zieht an einer Kippe, der Panda schlürft einen Cocktail… Aber keine Bange, das ist nicht etwa eine bizarre Dressur-Show, sondern die Party „Zoo Project“ im Benimussa Park. Die Tiere sind keine Vier- sondern Zweibeiner, die neben Body-Painting mit Fellmustern vor allem nackte Haut tragen. Techno-Musik schallt durch ehemaligen Tiergehege. Denn in den 70ern gab es hier tatsächlich einen Zoo. „Fantasylandia“ war sein Name.
Fast jeder, der das „Zoo Project“ kennt, denkt, die Bauten wären für die Partyveranstaltungen entstanden. Aber weit gefehlt: Wir treffen die Familie, der das Grundstück heute gehört. Vater Bartolomé und Tochter Marian erzählen von der Vergangenheit. Zusammen streifen wir über das Terrain. An diesem regnerischen Nachmittag ist alles verlassen. Jetzt erspäht das Auge erst all die Zeichen der Vergangenheit, die einem nie auffallen, wenn hier alles mit Leben gefüllt ist, wenn hier Partys und Märkte veranstaltet werden oder mit Paintballs geschossen wird.

Die harte Realität hinter den Spaß-Kulissen
Türme, Gehege, Wasserbecken – alles ergibt plötzlich einen Sinn. Man beginnt zu erahnen, wie es hier früher ausgesehen haben muss. Es war eine Zeit, als über Tierschutz und artgerechte Haltung noch wenig nachgedacht wurde – vor allem in südlichen Gefilden.
„Wir haben die Grundzüge des Geländes kaum verändert“, sagt Bartolomé. 1982 kaufte er die Anlage. „Fantasylandia“ war damals bereits vier Jahre lang geschlossen: „Die Kosten für die Tiere waren einfach zu hoch. Es gab zum Beispiel Robben, die mit Fischen aus Norwegen gefüttert werden mussten, hinzu kamen all die Tierarztkosten…“ Nach nur drei Jahren machte „Fantasylandia“ 1978 dicht. Die Tiere wurden an den Zoo „Marineland“ in Palma de Mallorca verschenkt, den es übrigens heute noch gibt. „Die ehemaligen Besitzer sind nicht mehr zu erreichen und einige von ihnen bereits tot“, erklärt Bartolomé. Doch auch er ist eine 1-A-Quelle als Zeitzeuge. Er besuchte den Zoo in den 70ern häufig und lässt uns an seinen Erinnerungen teilhaben…

Fotos aus den 80er

Tierische Shows und Spektakel
„Zugegeben, Fantasylandia war nicht besonders groß – doch als es 1975 öffnete, war es der real gewordene Traum vieler Ibicenco-Kinder und Touristen.“ Denn hier gab es Affen, Robben, Flamingos, Papageien, Pferde, einen Streichelzoo mit Ziegen und Häschen und sogar ein Dromedar. Viele der Tiere „tanzten“ ebenfalls, wie Jahre später die Party-Gäste. Allerdings nicht freiwillig und nicht voll ausgelassener Lebenslust. Die Hauptattraktion von „Fantasylandia“ waren Tier-Shows: „Es gab Papageien, die auf Miniatur-Fahrrädern fuhren, Robben, die mit den Flossen klatschten oder Bälle auf ihrer Schnauze balancierten, und dressierte Pferde, die auf Kommando Kunststücke vorführten.“
Die 70er waren auf Ibiza die Zeit der Massen-Reiseveranstalter: „Flotten von Bussen brachten junge Touristen in geführten Touren von ihren Hotels nach „Fantasylandia“. Doch auch bei den Ibicenco-Familien war der Zoo sehr beliebt.“ Jeden Tag kamen hunderte von Menschen hier her. Barbecue war damals der letzte Schrei – wo immer man hinging, fand man gemeinsames Grillen – so auch in Fantasylandia. Das war die zweite Attraktion im Spaß-Spektakel. An den runden Betontischen, die auch heute noch hier stehen, kam man zum Essen zusammen. Unmengen von Fleisch brutzelten auf scheinbar endlos langen Grills. Das ehemalige Restaurant ist heute eine der vielen Bars auf dem Gelände.
Wir bleiben an einem Pool stehen: „Hier war das Robbengehege.“ Außerdem sind zwei Amphitheater mit Bühnen zu sehen: „Die große Bühne mit dem Wasserbecken war für die Robbenshows, die kleine für die Papageien-Shows“, erinnert sich Bartolomé. Im flachen Wasserbecken nebenan wurden Flamingos und exotische Enten gehalten. Was heute „Mandala Garden“ heißt und eine bunt bemalte Chill-out-Area ist, war früher die Manege für die Pferde-Shows: „Heute ist das Areal betoniert, damals bestand der Boden noch aus Erde und Sand. Vor und nach den Shows gab es hier auch Reiten für Kinder.“

Die alte Zoo-Broschüre von „Fantasylandia“ aus dem Jahr 1975, mit Tiershows

Sangría, Flamenco und Kuss-Tänze
Doch, wie bereits erwähnt, sollte dieses Vergnügen nicht lange anhalten – zum Bedauern der Besucher und zum Glück für die Tiere. Nach dem Aus für den Zoo lag das Areal vier Jahre brach. Bartolomé und seine Familie übernahmen es schließlich 1982 und öffnete ein neues Kapitel im Leben des Benimussa Park. Ein Kapitel ohne Tiere, aber für die Gäste weiter voll Lebensfreude: Sie boten Ibiza-Feeling pur – ausgelassene Barbecue-Abende, Tänze, Spaß, Spektakel. Als Erinnerung an den Zoo stellte Bartolomé die großen Tier-Statuen auf, die noch heute das Gelände schmücken.

Das Restaurant „Gala Night“, das sich direkt neben dem Zoo befindet, entwickelte sich zum Schauplatz für große Feste. Bis heute werden dort Hochzeiten, Taufen, Geburtstage und Jubiläen gefeiert. Und der ehemalige Zoo selbst wurde zu einem bunten Park mit Rodeo-Riding, Kostüm-Sumo-Ringen, Boxen, Hüpfburgen und allerlei anderen Spielen. „Es ging einfach um Spaß, ums Dabeisein.“ An manchen Abenden kamen bis zu 2000 Menschen – die meisten buchten die Tour im Hotel.
Das Ganze wurde begleitet von, wie Bartolomé sagt: „Sehr viel Essen und sehr viel Sangría.“ Und Flamenco-Shows durften natürlich auch nicht fehlen. „Früher“, so erinnert er sich, „spielte man neben Flamenco auch traditionelle Bauernmusik. Es gab noch keine DJs oder Charts. Dafür aber Livemusik, mit Flöten und Trommeln. Dazu erfanden wir Tänze – zum Beispiel den „Kusstanz“ (El baile del beso). Wir bildeten einen Kreis und einer stand in der Mitte. Derjenige durfte jemanden aus dem Kreis küssen. Dieser kam dann als nächster dran, und so weiter. Dazu floss viel Sangría, und am Ende des Abends waren alle sehr glücklich und sehr betrunken“, lacht er schelmisch. Dabei sieht er fast wieder aus wie ein kleiner Junge.

Von ehemaligen Papageien-Shows zu heutigen Nachteulen und Paradiesvögeln: Die „Zoo Project“-Partys im Benimussa Park

Der Park heute
In den 90er Jahren ging der große Boom der Massen-Reiseveranstalter allmählich vorbei. Urlauber legten mehr Wert auf individuelle Reisen und immer weniger Touren wurden verkauft. Wieder musste sich der Ex-Zoo neu erfinden. „Und damit wir“, erinnert sich Tochter Marian. „Mit den 2000ern begann die Zeit der großen Club-Promotoren. An die Stelle der Barbecue-Partys traten nun DJs und Festivals.“ Unter anderem hielten die Party-Reihen „Kumharas Concept”, „MTV Aquasonic”, „Sundance”, und, bis 2007, „Safari” Einzug im Benimussa Park. Danach wurde das „Zoo Project“ geboren – bis heute steppt dort unter diesem Motto wortwörtlich der Bär.

Früher fanden Robben-Shows auf der Bühne und im Wasserbecken statt. Heute sorgen dort Artisten für Applaus

Bereits 2008 entstand neben dem Gelände auch eine Paintball-Area: In abenteuerlichen Kulissen kann man die Farbgeschosse platzen lassen.

„Nichts ist so stetig wie die Veränderung und man muss immer mit dem Zeitgeist gehen“, sagt Bartolomé. Als neuestes Projekt steht ein Erlebnis-Programm für Kinder auf der Liste: Während die Eltern im Alltag Besorgungen machen oder Termine haben, können die Kinder betreute Zeit im Park genießen. „In der Vergangenheit haben wir es ja auch immer hinbekommen: Erst gab es hier einen echten Zoo mit Tieren, nun ist es ein ,Human Zoo‘ – eben ein Zoo für Menschen“, lacht er. Nun – ein bisschen Affenzirkus hat doch noch keinem geschadet, oder?

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